Reformierte Landeskirche führt beliebte Wunschbaum-Aktion weiter

bKGH1 Geschenk (Foto: Swantje Kammerecker)
Am 16. November steht er wieder auf dem Rathausplatz – mit Kinderwünschen zum Pflücken. Audrey Hauri, Hauptabteilung Soziales Kanton Glarus, begleitet derzeit die Übergabe des Erfolgsprojekts an die Reformierte Landeskirche, präsidiert von Pfarrer Sebastian Doll.
Swantje Kammerecker,
Interview: Swantje Kammerecker

Frau Hauri, Herr Doll, Schenken ist etwas sehr Emotionales. Oft erinnern sich Menschen noch nach Jahrzehnten an ihre Kinderwünsche, ist das bei Ihnen auch so?
Sebastian Doll: Oh ja! Ich wünschte mir als etwa Sechsjähriger so sehr ein Playmobil-Piratenschiff!
Audrey Hauri:… und ich, etwa im gleichen Alter, die Pfirsichblüten-Barbie! (ein Lächeln huscht über beide Gesichter).
Wie alt sind die Kinder, an die sich die Wunschbaum-Aktion richtet? Und welcher Kreis ist da angesprochen?
Hauri: Sie ist ausgeschrieben für 0-16-jährige, aber in den Vorjahren hat sich ein Schwerpunkt beim Kindergarten- und Primarschulalter gezeigt. Angesprochen sind finanziell belastete Familien. Dies umfasst Menschen in der regulären Sozialhilfe und in der Asylsozialhilfe sowie solche mit einer IPV (individuelle Prämienverbilligung) oder einer KulturLegi. Die Anonymität ist durch Codierung gewährleistet.
Nun wird das Projekt, initiiert und bisher durchgeführt von der Hauptabteilung Soziales des Kanton Glarus, von der Reformierten Landeskirche übernommen. Wie kam es dazu?
Hauri: Meine Mitarbeiterin Natalia Baumgartner brachte die Idee damals aus Deutschland mit, sie ist dort bekannt als «Bürgerbaum». Wir starteten 2023 enthusiastisch und etwas ‘naiv’, waren schliesslich überwältigt vom Erfolg. Da war klar, es soll unbedingt weitergehen. In den letzten zwei Jahren wurde der Ablauf noch etwas verfeinert, doch es blieb aufwändig.
Doll: Die ganze Logistik, die wir nun übernehmen, ist top organisiert, grosses Kompliment!
Hauri: Es war für uns ein Herzensprojekt, das aber nebst unserer Arbeitszeit auch viel freiwilliges Engagement brauchte. Wir haben es sehr gerne gemacht, ja ich fühle mich selber beschenkt durch so viel erlebte Solidarität. Es berührt, all die Dankbarkeit und Freude zu sehen. Dennoch zeigte sich nun, dass wir dieses Jahr durch neue Projekte stärker beansprucht sind. Wir suchten daher eine Nachfolgelösung für den Wunschbaum.
Doll: Im Februar hat mich Audrey Hauri bei einer Veranstaltung darauf angesprochen, und ich fand, dass das Wunschbaumprojekt sehr gut zum Auftrag unserer Kirche passt. Der ganze Kantonale Kirchenrat und die Kirchenratsschreiberin unterstützen uns voll. Die Übergabe konnten wir Ruhe vorbereiten und sie läuft sehr gut.
Was oder wen braucht es alles für die Umsetzung?
Hauri: Der Baum wurde bisher immer gesponsert, aber es braucht Teams von Helfenden, die etwa die Büroarbeit machen, die Geschenke in Empfang nehmen, den Raum dekorieren und die Menschen beim Abholen begrüssen. Im laufenden Tagesgeschäft, mit einem begrenzten Raumangebot wie bei uns, stossen wir da inzwischen an Grenzen. Auch möchten und müssen wir uns Zeit nehmen für die Menschen: Es geht immer um Begegnung – die Schenkenden und Beschenkten begegnen sich zwar nicht –, aber wir als «Mittelspersonen» sind präsent. Teils erzählen uns Schenkende aus ihren Leben und von ihrer Motivation zum Schenken. Wir geben ihnen auch jeweils eine kleine, ebenfalls gesponserte, Süssigkeit mit.
Und die Beschenkten?
Hauri: Einige kommen nur schnell zum Abholen, das darf auch sein; andere bringen Kinderzeichnungen oder verweilen einen Moment. Wir sahen auch schon Tränen der Rührung!
Doll: Eine gastfreundliche und adventliche Atmosphäre, mit einer Kaffiecke, werden wir auch im Kirchgemeindehaus anbieten, dem neuen Ort fürs Bringen und Abholen. Gerade haben wir zur Rekrutierung von Helfenden einen Aufruf gestartet. Wir hoffen, dass dies Freiwillige anspricht, die muss man aber auch wieder briefen und begleiten. Wir stehen aber auch als Kantonaler Kirchenrat selber bereit, um zu helfen oder einzuspringen, wo nötig.
Rechnen Sie, wie in den Vorjahren, mit mehr Wunschkarten?
Hauri: Aus den Vorjahren rechnen wir mit 250 Wünschen, sprich Geschenken, es könnten aber heuer noch mehr werden… In manchem Jahr durften wir Wunschkarten ‘nachliefern’, sie waren jeweils in Nu weg. Die Leute wollten noch viel mehr schenken!
Doll: Wenn es mehr werden, freuen wir uns. Ich vertraue darauf, dass wir das schaffen!
Was motiviert Sie zu dieser Aktion?
Doll: Kirche hat den Auftrag, gerade auch für die Bedürftigen zu schauen. Es ist gelebte Verantwortung und Nächstenliebe! Und Weihnachten ist doch das Fest der Liebe. Die Freude darüber möchten wir ganz handfest teilen und weitergeben! Und sagen: Alle gehören dazu!
Hauri: Wir sind sehr happy, dass die Kirche sich da engagiert! Ich sehe hier viele Schnittstellen mit dem Sozialwesen. Das Projekt Wunschbaum steht für gesellschaftliche Solidarität, Unterstützung der Freiwilligenarbeit und Zusammenhalt der Generationen – was mir und meinen KollegInnen von der Hauptabteilung Soziales und dem ganzen Departement Volkswirtschaft und Inneres auch sehr wichtig ist. Und es lenkt den Blick darauf, dass es in unserem Umfeld nicht allen so gut geht…
Wie sieht es denn im Kanton Glarus aus mit der Kinderarmut?
Hauri: Die Sozialhilfe-Quote ist mit 1,5 Prozent niedrig, aber wir rechnen mit einer hohen Dunkelziffer: Viele melden sich nicht aus Scham – hier kennt man einander eben – oder aus Angst vor Konsequenzen, was oft Migranten betrifft. Ein Drittel der Sozialhilfe-Beziehenden sind Kinder. Dann gibt es noch Familien, die trotz Arbeit arm sind, working poor, Alleinerziehende und mehrfach belastete Erziehende, sie fliegen oft unter dem Radar. Die Bildungschancen dieser Kinder und ihre Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe sind oft eingeschränkt. Wir sehen, auch über den Kreis der Sozialhilfebeziehenden heraus, immer wieder Engpässe, für die unsere Behörde ja den Familienfonds unterhält. Verschiedene Anlaufstellen, so die Sozialen Dienste, die Beratung Frühe Kindheit, die PDGL oder die Fachstelle Gesellschaft, vermitteln ihnen den Kontakt zu uns.
Zurück zum Wunschbaum, sind 30 Fr.- für ein Weihnachtsgeschenk noch zeitgemäss?
Hauri: Das haben wir auch schon diskutiert! Aber sehen Sie: Etliche Schenkende sind selbst nicht auf Rosen gebettet, aber es ist ihnen wichtig , etwas weiterzugeben – wie etwa der IV-Bezüger, der sich beteiligt. Daher soll auch hier der Zugang niederschwellig bleiben. Es gibt schon Menschen, die gerne aufrunden möchten, das dürfen sie natürlich auch, sofern es im Rahmen bleibt. Und es bleibt auch den Schenkenden überlassen, wo sie kaufen. Viele berücksichtigen aber von vorneherein den lokalen Handel.
Nun findet die Übergabe in kirchlichen Räumen statt, macht das einen Unterschied?
Doll: Bei uns ist jede und jeder willkommen, ohne Ansehen von Religion oder Hintergrund; hier darf man einfach Mensch sein. Das Kirchgemeindehaus ist ja Schauplatz verschiedener Anlässe, die nicht nur kirchlich sind, wie etwa Kleiderbörse oder Vorträge; im Keller findet auch wieder das Kerzenziehen statt. Wir freuen uns, möglichst oft unsere Türen für Begegnungen zu öffnen!

Der Wunschbaum: Berechtigte Familien können unkompliziert teilnehmen, die Daten bleiben anonym. Die Wunschkarten werden mit Alter und dem Kinderwunsch sowie einem QR-Code bestückt. Schenkende können ihn scannen, ein Formular ausfüllen und das Geschenk besorgen. Im Kirchgemeindehaus Glarus in der Zollhausstrasse werden vom 30.11. – 05.12.2026 Geschenke angenommen, die Geschenkausgabe findet 21. – 23.12. statt.